Der Senator war in London
Der Rückflug war für 7.30 Uhr gebucht. Es hätte auch elf Stunden später eine Maschine gegeben, aber die wäre teurer gewesen, und der Senator fand, dass die Reise auch noch lang genug wäre, wenn er den Heimweg schon am frühen Morgen anträte.
Also lässt er nachts um zwanzig nach Vier das Mobiltelefon klingeln, checkt leicht restalkoholisiert und unter Verzicht auf alle überflüssigen, also eigentlich auf alle, Hygienemaßnahmen aus und zieht mit dem munter über die Gehwegplatten polternden Flugkoffer im Schlepptau durch die morgenleeren Straßen von Bayswater in Richtung Notting Hill Gate.
Der Senator ist kein Angsthase. Zwar tut er, wenn er mit der Senatorin verreist, mittlerweile so, als wäre es völlig in Ordnung, schon zu Beginn des Check-Ins am Flughafen oder eine Viertelstunde vor Abfahrt am Bahnhof zu sein; in Wirklichkeit weiß er natürlich, dass so etwas völlig unnötig ist und just in time allemal reicht. Dass am Wochenende die Züge nicht ganz so häufig fahren würden, hat er berücksichtigt und großzügig eine halbe Stunde Reisezeit mehr angesetzt, als ihn die Hinfahrt gekostet hat. Selbst damit wäre er immer noch eine ganze Stunde vor Abflug in Luton am Airport, also eigentlich immer noch eine halbe Stunde zu früh, aber ein klein wenig Pufferzeit ist ja nicht so verwerflich.
Was der Senator nicht weiß: Sonntags verkehrt die Londoner U-Bahn erst ab 7.00 Uhr. Die versperrten Türen der Station verwundern ihn daher erst einmal mehr, als dass sie ihn erschrecken. Sicher werden die gleich aufmachen, aber um nicht tatenlos herumzustehen, kann man ja mal die umliegenden Bushaltestellen abchecken. Bei der ersten merkt der Senator, dass er wie immer in dieser Stadt auf der falschen Straßenseite gesucht hat. Von der zweiten fahren keine Busse mit geeignetem Ziel. Ein Pärchen tritt auf die Straße, anscheinend auf dem Heimweg von einer Party. Nein, sie wüssten nicht, wann die U-Bahn öffnen würde. So etwa halb sieben, meint das Mädchen. Müsste eigentlich jeden Moment, sagt der Junge, und da der nüchterner erscheint, beschließt der Senator, ihm zu glauben. Zumal dessen Nachricht ja auch die angenehmere ist, und wenn der Senator eins nicht leiden kann, dann ist das blinder, unnötige Hektik verbreitender Alarmismus. Ein Taxi hält, die beiden steigen ein.
Ein Taxi. Spätestens jetzt hat das Konzept Taxi im Bewusstsein des Senators ein beträchtliches Areal eingenommen, und er kämpft furchtlos, um es von dort wieder zu vertreiben. Klar, mit einem Taxi wäre er auf Nummer sicher. Die Senatorin hätte in dieser Situation längst eines angehalten, aber der Senator ist eben ohne sie verreist und will das doch nicht in der letzten Stunde noch ändern. Zumal: ein Taxi im Ausland - so etwas tut man nicht. Any major dude will tell you. Erstens ist das schweineteuer, zweitens fahren sie mit so einem Touristen doch dreimal mit der Kirche ums Dorf, um es noch schweineteurer zu machen, und drittens ärgerst du dich nachher, wenn du um irgendeine Wahnsinnssumme ärmer am Flughafen stehst, das schon bezahlte Bahnticket verfallen und eine halbe Stunde zu früh. Nee, Senator, jetzt mal keine Panik. Du hast doch Pufferzeit. Wirst sehen, die U-Bahn hat jetzt auf.
Hat sie nicht. Dafür entdeckt der Senator doch noch eine Haltestelle, von der Busse zum Bahnhof Kings Cross fahren, von wo dann der Zug zum Flughafen geht. Alle zehn bis zwölf Minuten, die Busse jedenfalls.
Gut wäre es, findet der Senator plötzlich, wenn diese zehn bis zwölf Minuten langsam mal herum wären, denn eine Dreiviertelstunde sollte die Busfahrt nach Kings Cross laut Auskunftstafel dauern, viel länger doch, als der Hinweg mit der U-Bahn, verdammtnochmal. Die Pufferzeit wäre dann aufgefressen, eigentlich schon etwas überzogen. Wenn der Bus JETZT käme. Kommt er aber nicht. Also doch ein - Taxi?
Der Senator konzediert. OK, wenn das Flugzeug nur mit einem Taxi noch zu schaffen ist, dann kann man auch mal eins nehmen. Denn wenn der Senator eines nicht leiden kann, dann ist es blinde, die Entscheidungsfreiheit limitierende Prinzipienreiterei. An der Ecke da hinten, bei der anderen Bushaltestelle, waren da nicht welche? Gleich mal nachsehen. Vielleicht hat bis dahin ja auch die U-Bahn aufgemacht, die liegt auf dem Weg. Und wenn der richtige Bus kommen sollte, könnte man die Station mit einem kleinen Sprint noch erreichen, die Londoner Busfahrer sind ja höflich und warten mal ein paar Sekunden länger. Und früh am Sonntagmorgen kann die Fahrt nach Kings Cross auch nicht so lange dauern, ohne den üblichen Londoner Traffic Jam.
Die Bahn hat noch zu. Für den kleinen Sprint ist die Bushalte auch schon zu weit weg, aber Anlass dazu gäbe es ohnehin nicht, da ist weit und breit kein 249er Bus. Senator, jetzt sieh zu, dass du ein Taxi kriegst.
Da kommt eines, wie üblich auf der falschen Straßenseite. Der Senator winkt. Das Taxi hält. Auf der anderen Straßenseite. Wie jetzt? Soll der Senator etwa über die Absperrung in der Straßenmitte turnen, mit Rucksack und Koffer und keine Dreißig mehr und überhaupt? Warum wendet der Fahrer nicht an der nächsten Ampel und nimmt den Senator da auf, wo er steht? Ob der wirklich ihn meint? Ratsam wäre das allerdings, also quetscht sich der Senator durch eine Lücke im Zaun zwischen den Fahrspuren, schiebt den Koffer drunter, hebt den Rucksack drüber und nähert sich dem Taxi. Der Fahrer hat tatsächlich auf ihn gewartet. Meint, die Fahrt nach Kings Cross würde etwa 15 bis 20 Pfund kosten, aber das letzte Wort hätte das Taxameter. Der Senator beherrscht sich, nicht "Ach, so billig? Hätte ich doch gleich..." zu rufen und steigt ein.
Mancherlei Dinge gehen dem Senator auf dieser Fahrt durch den Kopf, aber vorherrschend ist die Sorge, ob sich die Investition in das Taxi wohl gelohnt haben und er seinen Flug noch schaffen wird. Ob am Bahnhof Kings Cross auch gleich ein Zug abfahren wird, der ihn rechtzeitig nach Luton bringt. Ob Easyjet den Check-In wirklich genau dreißig Minuten vor Abflug beenden wird, oder man nicht doch vielleicht auch noch fünfundzwanzig Minuten vorher (so lange würde der Senator niemals brauchen, aber einfach mal sicherheitshalber angenommen) einchecken kann. Was es wohl kosten würde, einen neuen Flug zu buchen, wenn er diesen nicht mehr schaffte. Ob das Kreditkartenlimit dafür wohl noch ausreichen würde. Ob die Senatorin den unausweichlichen Kommentar (nicht zu erwartende Kurzform: "Siehste!") wohl verbal oder nonverbal formulieren würde, und wie wohl in jedem einzelnen Fall. Und, ob der Senator den Fahrer wohl fragen sollte, was es kosten würde, wenn der ihn gleich bis zum Flughafen führe.
Der Senator widersteht dieser letzten Versuchung und steigt in Kings Cross aus. Oh diese quälenden Minuten zwischen dem Insichtweitekommen des Bahnhofs und dem Anhalten des Taxis am Passagiereingang. Kurz darauf überlegt er, ob er nicht jetzt, sicher ist sicher, doch gleich ein neues Taxi zum Airport nehmen soll, oder lieber darauf setzen, dass ihn der nächste Zug (in einer knappen Viertelstunde, also 6.08 Uhr) noch rechtzeitig zum Bahnhof bringt. In der Annahme, dass ein Taxi wahrscheinlich nicht schneller sein wird, besteigt der Senator den Zug. Ein Blick auf den Linienplan, eine neue Verheißung: Auf dieser Strecke verkehren der City Flyer und die City Line. Der City Flyer hält nur an vier Stationen von den zehn, die die City Line anfährt. Wie der beim Abfahren beschleunigt, kann das ja nur ein Flyer sein. Gleich werden wir es wissen: Hält der Zug in Kentish Town oder nicht?
Er hält. Jetzt hilft nur noch das Prinzip Hoffnung, am besten gepaart mit magischem Denken: ICH WERDE ES SCHAFFEN. ICH WERDE ES SXAFFEN. ICH SCHAFFE DEN FLUG NACH SXF. Der Senator zieht seine Reiselektüre aus der Tasche und entspannt sich, denn wenn er eines nicht leiden kann, dann ist es, sich in Situationen aufzuregen, die man eh nicht ändern kann. Er wird es schon schaffen, klar doch.
Der Zug hält 6.43 in Luton Airport Parkway. Der Senator steht in der Tür bereit, um gleich der Erste auf dem Bahnsteig, den Treppen, an der Sperre, im Zubringerbus zu sein. Ist er auch. Wäre aber nicht nötig gewesen, der Bus wartet auf alle anderen Fahrgäste aus dem Zug, auch auf die Trödler.
Als der Bus abfährt, ist es 6.53. Der Senator nimmt Zuflucht zur schwarzen Magie: Stand im Usenet, dass der Bus 10 Minuten vom Bahnhof zum Flughafen braucht oder 5? (fünf, Fünf, FÜNF, FFÜÜNNFF!) Und geht meine Uhr vielleicht vor? Jajajaaa! Aber das hat er doch vor einer Viertelstunde schon überprüft: Die Uhr geht vor, um gut anderthalb Minuten, und diese Reserve ist längst verplant. Der Bus fährt und fährt... Und noch eine ganz unnötige Haltestelle unterwegs, denn dort steigt nur EINE EINZIGE PERSON zu.
Mann, gib doch Gas! Dass das hier auch noch bergauf gehen muss. Ja, da ist der Flughafen! Nee, bloß ein Industriegebiet. Aber hier am Kreisverkehr steht er schon dran. Sollte jetzt aber auch wirklich... Ich meine, es ist ja eine Minute vor sieben. Also mit vorgehender Uhr zwei, vielleicht drei. Da!
Raus aus dem Bus. Sieben Uhr drei. Jetzt sollen die sich nicht so haben. Rein in den Flughafen, große Halle, wo geht das hier lang, da, Departures, da, die Easyjet-Schalter, dieser fast leer, sieben Uhr acht: der Senator ist dran. Sein Koffer wird gewogen, sein Personalausweis überprüft. Oh my goodness, sagt er, I was afraid I wouldn't be admitted to this flight anymore. Wait a moment please, antwortet der Mann am Schalter, I am just double-checking this. Er nimmt den Hörer ab und wählt. Kurzes Gespräch, ah, OK, well, allright then.
Und zum Senator gewandt: I am sorry Sir, but this flight is closed.
Also lässt er nachts um zwanzig nach Vier das Mobiltelefon klingeln, checkt leicht restalkoholisiert und unter Verzicht auf alle überflüssigen, also eigentlich auf alle, Hygienemaßnahmen aus und zieht mit dem munter über die Gehwegplatten polternden Flugkoffer im Schlepptau durch die morgenleeren Straßen von Bayswater in Richtung Notting Hill Gate.
Der Senator ist kein Angsthase. Zwar tut er, wenn er mit der Senatorin verreist, mittlerweile so, als wäre es völlig in Ordnung, schon zu Beginn des Check-Ins am Flughafen oder eine Viertelstunde vor Abfahrt am Bahnhof zu sein; in Wirklichkeit weiß er natürlich, dass so etwas völlig unnötig ist und just in time allemal reicht. Dass am Wochenende die Züge nicht ganz so häufig fahren würden, hat er berücksichtigt und großzügig eine halbe Stunde Reisezeit mehr angesetzt, als ihn die Hinfahrt gekostet hat. Selbst damit wäre er immer noch eine ganze Stunde vor Abflug in Luton am Airport, also eigentlich immer noch eine halbe Stunde zu früh, aber ein klein wenig Pufferzeit ist ja nicht so verwerflich.
Was der Senator nicht weiß: Sonntags verkehrt die Londoner U-Bahn erst ab 7.00 Uhr. Die versperrten Türen der Station verwundern ihn daher erst einmal mehr, als dass sie ihn erschrecken. Sicher werden die gleich aufmachen, aber um nicht tatenlos herumzustehen, kann man ja mal die umliegenden Bushaltestellen abchecken. Bei der ersten merkt der Senator, dass er wie immer in dieser Stadt auf der falschen Straßenseite gesucht hat. Von der zweiten fahren keine Busse mit geeignetem Ziel. Ein Pärchen tritt auf die Straße, anscheinend auf dem Heimweg von einer Party. Nein, sie wüssten nicht, wann die U-Bahn öffnen würde. So etwa halb sieben, meint das Mädchen. Müsste eigentlich jeden Moment, sagt der Junge, und da der nüchterner erscheint, beschließt der Senator, ihm zu glauben. Zumal dessen Nachricht ja auch die angenehmere ist, und wenn der Senator eins nicht leiden kann, dann ist das blinder, unnötige Hektik verbreitender Alarmismus. Ein Taxi hält, die beiden steigen ein.
Ein Taxi. Spätestens jetzt hat das Konzept Taxi im Bewusstsein des Senators ein beträchtliches Areal eingenommen, und er kämpft furchtlos, um es von dort wieder zu vertreiben. Klar, mit einem Taxi wäre er auf Nummer sicher. Die Senatorin hätte in dieser Situation längst eines angehalten, aber der Senator ist eben ohne sie verreist und will das doch nicht in der letzten Stunde noch ändern. Zumal: ein Taxi im Ausland - so etwas tut man nicht. Any major dude will tell you. Erstens ist das schweineteuer, zweitens fahren sie mit so einem Touristen doch dreimal mit der Kirche ums Dorf, um es noch schweineteurer zu machen, und drittens ärgerst du dich nachher, wenn du um irgendeine Wahnsinnssumme ärmer am Flughafen stehst, das schon bezahlte Bahnticket verfallen und eine halbe Stunde zu früh. Nee, Senator, jetzt mal keine Panik. Du hast doch Pufferzeit. Wirst sehen, die U-Bahn hat jetzt auf.
Hat sie nicht. Dafür entdeckt der Senator doch noch eine Haltestelle, von der Busse zum Bahnhof Kings Cross fahren, von wo dann der Zug zum Flughafen geht. Alle zehn bis zwölf Minuten, die Busse jedenfalls.
Gut wäre es, findet der Senator plötzlich, wenn diese zehn bis zwölf Minuten langsam mal herum wären, denn eine Dreiviertelstunde sollte die Busfahrt nach Kings Cross laut Auskunftstafel dauern, viel länger doch, als der Hinweg mit der U-Bahn, verdammtnochmal. Die Pufferzeit wäre dann aufgefressen, eigentlich schon etwas überzogen. Wenn der Bus JETZT käme. Kommt er aber nicht. Also doch ein - Taxi?
Der Senator konzediert. OK, wenn das Flugzeug nur mit einem Taxi noch zu schaffen ist, dann kann man auch mal eins nehmen. Denn wenn der Senator eines nicht leiden kann, dann ist es blinde, die Entscheidungsfreiheit limitierende Prinzipienreiterei. An der Ecke da hinten, bei der anderen Bushaltestelle, waren da nicht welche? Gleich mal nachsehen. Vielleicht hat bis dahin ja auch die U-Bahn aufgemacht, die liegt auf dem Weg. Und wenn der richtige Bus kommen sollte, könnte man die Station mit einem kleinen Sprint noch erreichen, die Londoner Busfahrer sind ja höflich und warten mal ein paar Sekunden länger. Und früh am Sonntagmorgen kann die Fahrt nach Kings Cross auch nicht so lange dauern, ohne den üblichen Londoner Traffic Jam.
Die Bahn hat noch zu. Für den kleinen Sprint ist die Bushalte auch schon zu weit weg, aber Anlass dazu gäbe es ohnehin nicht, da ist weit und breit kein 249er Bus. Senator, jetzt sieh zu, dass du ein Taxi kriegst.
Da kommt eines, wie üblich auf der falschen Straßenseite. Der Senator winkt. Das Taxi hält. Auf der anderen Straßenseite. Wie jetzt? Soll der Senator etwa über die Absperrung in der Straßenmitte turnen, mit Rucksack und Koffer und keine Dreißig mehr und überhaupt? Warum wendet der Fahrer nicht an der nächsten Ampel und nimmt den Senator da auf, wo er steht? Ob der wirklich ihn meint? Ratsam wäre das allerdings, also quetscht sich der Senator durch eine Lücke im Zaun zwischen den Fahrspuren, schiebt den Koffer drunter, hebt den Rucksack drüber und nähert sich dem Taxi. Der Fahrer hat tatsächlich auf ihn gewartet. Meint, die Fahrt nach Kings Cross würde etwa 15 bis 20 Pfund kosten, aber das letzte Wort hätte das Taxameter. Der Senator beherrscht sich, nicht "Ach, so billig? Hätte ich doch gleich..." zu rufen und steigt ein.
Mancherlei Dinge gehen dem Senator auf dieser Fahrt durch den Kopf, aber vorherrschend ist die Sorge, ob sich die Investition in das Taxi wohl gelohnt haben und er seinen Flug noch schaffen wird. Ob am Bahnhof Kings Cross auch gleich ein Zug abfahren wird, der ihn rechtzeitig nach Luton bringt. Ob Easyjet den Check-In wirklich genau dreißig Minuten vor Abflug beenden wird, oder man nicht doch vielleicht auch noch fünfundzwanzig Minuten vorher (so lange würde der Senator niemals brauchen, aber einfach mal sicherheitshalber angenommen) einchecken kann. Was es wohl kosten würde, einen neuen Flug zu buchen, wenn er diesen nicht mehr schaffte. Ob das Kreditkartenlimit dafür wohl noch ausreichen würde. Ob die Senatorin den unausweichlichen Kommentar (nicht zu erwartende Kurzform: "Siehste!") wohl verbal oder nonverbal formulieren würde, und wie wohl in jedem einzelnen Fall. Und, ob der Senator den Fahrer wohl fragen sollte, was es kosten würde, wenn der ihn gleich bis zum Flughafen führe.
Der Senator widersteht dieser letzten Versuchung und steigt in Kings Cross aus. Oh diese quälenden Minuten zwischen dem Insichtweitekommen des Bahnhofs und dem Anhalten des Taxis am Passagiereingang. Kurz darauf überlegt er, ob er nicht jetzt, sicher ist sicher, doch gleich ein neues Taxi zum Airport nehmen soll, oder lieber darauf setzen, dass ihn der nächste Zug (in einer knappen Viertelstunde, also 6.08 Uhr) noch rechtzeitig zum Bahnhof bringt. In der Annahme, dass ein Taxi wahrscheinlich nicht schneller sein wird, besteigt der Senator den Zug. Ein Blick auf den Linienplan, eine neue Verheißung: Auf dieser Strecke verkehren der City Flyer und die City Line. Der City Flyer hält nur an vier Stationen von den zehn, die die City Line anfährt. Wie der beim Abfahren beschleunigt, kann das ja nur ein Flyer sein. Gleich werden wir es wissen: Hält der Zug in Kentish Town oder nicht?
Er hält. Jetzt hilft nur noch das Prinzip Hoffnung, am besten gepaart mit magischem Denken: ICH WERDE ES SCHAFFEN. ICH WERDE ES SXAFFEN. ICH SCHAFFE DEN FLUG NACH SXF. Der Senator zieht seine Reiselektüre aus der Tasche und entspannt sich, denn wenn er eines nicht leiden kann, dann ist es, sich in Situationen aufzuregen, die man eh nicht ändern kann. Er wird es schon schaffen, klar doch.
Der Zug hält 6.43 in Luton Airport Parkway. Der Senator steht in der Tür bereit, um gleich der Erste auf dem Bahnsteig, den Treppen, an der Sperre, im Zubringerbus zu sein. Ist er auch. Wäre aber nicht nötig gewesen, der Bus wartet auf alle anderen Fahrgäste aus dem Zug, auch auf die Trödler.
Als der Bus abfährt, ist es 6.53. Der Senator nimmt Zuflucht zur schwarzen Magie: Stand im Usenet, dass der Bus 10 Minuten vom Bahnhof zum Flughafen braucht oder 5? (fünf, Fünf, FÜNF, FFÜÜNNFF!) Und geht meine Uhr vielleicht vor? Jajajaaa! Aber das hat er doch vor einer Viertelstunde schon überprüft: Die Uhr geht vor, um gut anderthalb Minuten, und diese Reserve ist längst verplant. Der Bus fährt und fährt... Und noch eine ganz unnötige Haltestelle unterwegs, denn dort steigt nur EINE EINZIGE PERSON zu.
Mann, gib doch Gas! Dass das hier auch noch bergauf gehen muss. Ja, da ist der Flughafen! Nee, bloß ein Industriegebiet. Aber hier am Kreisverkehr steht er schon dran. Sollte jetzt aber auch wirklich... Ich meine, es ist ja eine Minute vor sieben. Also mit vorgehender Uhr zwei, vielleicht drei. Da!
Raus aus dem Bus. Sieben Uhr drei. Jetzt sollen die sich nicht so haben. Rein in den Flughafen, große Halle, wo geht das hier lang, da, Departures, da, die Easyjet-Schalter, dieser fast leer, sieben Uhr acht: der Senator ist dran. Sein Koffer wird gewogen, sein Personalausweis überprüft. Oh my goodness, sagt er, I was afraid I wouldn't be admitted to this flight anymore. Wait a moment please, antwortet der Mann am Schalter, I am just double-checking this. Er nimmt den Hörer ab und wählt. Kurzes Gespräch, ah, OK, well, allright then.
Und zum Senator gewandt: I am sorry Sir, but this flight is closed.
Senator Arepo - 16. Mai, 22:08
2 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
Dösbaddel - 16. Mai, 23:24
Und nun?
Wie denn, werter Senator? Nun laßt Ihr uns stehen, ohne die restlichen Fragen zu beantworten? Wie ist der Senator nach Hause gekommen? Mußte er doch schwimmen oder reichte das Limit der Kreditkarte aus? Und vor allem: Was hat die Senatorin gesagt?
Senator Arepo - 17. Mai, 12:31
Nichts nun.
Sorry, lieber Herr Dösbaddel, hier ist die Geschichte zuende. Texte, die alles erzählen, sind doch so langweilig. Und mit Antworten kann man in der Schule punkten, im Leben bringen einen eher die Fragen weiter.

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