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Donnerstag, 30. Juni 2005

Schwarzes Aikido*

(Nein, Aktualität ist keine hervorstechende Eigenschaft dieses Weblogs. Die geschilderten Ereignisse sind eine gute Woche alt.)

Dienstag.
Und fahr vorsichtig, riet ihm E. am Telefon. Kürzlich nämlich erst sei ein Bekannter in die Straßenbahnschienen geraten und gestürzt, wobei er sich schrecklich wehgetan hätte.
Der Senator schwor, er würde die Strecken mit den Gleisen meiden, und erinnerte sich sofort wieder, wie er mit zwölf Jahren arglos versucht hatte, mit seinem Rad in der Gleisspur der Greifswalder Hafenbahn zu fahren, welches Kunststück ihm etwa zwei Zehntelsekunden lang glückte. Zwei Zehntelsekunden reichen nicht, auch noch das Hinterrad in die Rinne zu bekommen, aber er hat es danach nie wieder versucht. Der Fall war hart und schmerzhaft gewesen und hatte ihn einiges über die Voraussetzungen des Balancehaltens auf einem Fahrrad gelehrt. Seitdem kreuzt er Gleise nur noch in möglichst großem Winkel.

Mittwoch.
Der Senator bog in die Kastanienallee ein, sah die Straßenbahnschienen, und musste gleich an das Gespräch vom Vortag denken. Das wäre jetzt echt ironisch, dachte er, hehe, aber nicht mit mir. Sicher mied er die Nähe der Gleise, kreuzte sie, wo eine Linie rechts zum Zionskirchplatz abbiegt, in großem Winkel und rollte den Weinbergsweg hinab. Wo das Gefälle endet, geht es links in die Zehdenicker Straße, und die war das Ziel des Senators. Um da einzubiegen, würde er kurz nach rechts ausholen, um dann im großen Winkel nach links die Schienen zu schneiden. Kein Gegenverkehr, alles klar. Jedenfalls fast. Unangenehm dicht hinter dem Senator fuhr ein Auto, das nicht überholte. Also streckte der Senator die linke Hand aus, jetzt würde das Auto ein wenig mehr Abstand halten. Denkste. Na gut, der Senator kennt sich aus. Wenn einem einer so dicht auf den Fersen ist, kann man natürlich nicht in großem Winkel abbiegen, da verliert man zu sehr an Vortrieb. In solchen Situationen muss man sich langsam nach links vorarbeiten, im kleinen Winkel.
Im nächsten Moment wusste er wieder, warum hier nur der große Winkel in Frage kam, aber da war es zu spät. Das Vorderrad war in den Schienen. Zwei Zehntelsekunden später lag der Senator auf dem Pflaster.
  • Gepriesen sei der Autofahrer, der jetzt doch noch die Bremse fand.
  • Gepriesen sei die Lederjacke, ohne die die großflächige Abschürfung am Unterarm sicher viel unappetitlicher ausgefallen wäre.
  • Gepriesen sei der Röntgenbefund, der da sagt „Kein klarer Anhaltspunkt für eine frische Fraktur“.
  • Gepriesen sei Voltaren Schmerzgel, in großzügiger Dosierung auf dem Unterschenkel appliziert.
Montag.
Aber Laufen geht immer noch nicht wieder so richtig.
Die Senatorin, die es liebt, Dinge symbolisch zu verstehen, fragt: Kann es sein, dass du dich leicht aus der Spur werfen lässt, wenn jemand hinter dir drängelt?
Der Senator meditiert über diese Interpretation und gelangt zu der Einsicht, dass die es nicht trifft. Was einen zu Fall bringt, ist, wenn man in die Spur kommt. Das hat er schon mindestens zweimal erlebt.


*Aikido ist eine Kampfkunst, bei der der Angreifer geworfen wird, indem zunächst dessen Denken umgeleitet wird. (Kursbeschreibung aus dem FU-Hochschulsportprogramm von anno dunnemals)