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Dienstag, 31. Mai 2005

Koan

Der Senator träumt, Dr. Z., in dessen Klinik er sich vor 20 Jahren einer Psychotherapie unterzogen hatte, hätte ihn eben dorthin eingeladen, privat. Der Senator ist neugierig und fährt. Er ist auf gedrückte Stimmung und Stress vorbereitet, denn gerade, so wird ihm zugetragen, hat sich ein Patient im Hause umgebracht – das sei schon der dritte Suizid innerhalb von zehn Jahren.
Da überrascht ihn doch Z.s Ruhe und Gefasstheit, die nichts von der stattgehabten Tragödie ahnen lässt. Aber auch als man abends bei Kerzenlicht in des Doktors langgezogenem Wohnzimmer im Flachbau beisammen sitzt, scheint es frustrierend unmöglich, ihn überhaupt zu begrüßen: ohne Unterlass gehen Co-Therapeutinnen ein und aus, wechseln mit gesenkter Stimme ein paar Worte mit Z., sicher, es scheint ja um Wichtiges zu gehen, aber wozu er nun extra hierher gekommen ist, will sich dem Senator nicht erschließen: Bestellt und nicht abgeholt.
Da steht Z. auf, tippt ihn kurz an und sagt: Ich glaub, wir zwei gehen mal eben rüber, eine rauchen. Grinsend über diesen Witz - denn Rauchen ist in der Klinik seit genau 20 Jahren verboten, und auf Sätze mit ich glaube antwortet Z. gewöhnlich Glauben können Sie in der Kirche - pflichtschuldig grinsend also und diensteifrig fügt der Senator hinzu: Ja, und ein Bier trinken wir auch, wie um die Palette der No-Nos im Hause Z. zu vervollständigen.
Sie tun dann doch keines von beiden, als sie es sich im Nebenzimmer gemütlich machen. Aber nun muss sich der Senator doch erkundigen: Und, wie geht’s so? Was liegt an?
Das, sagt Dr. Z., wollte ich dich fragen: Wie geht’s so? Was liegt an?

Satori nach Mitternacht

Als die Flasche wie in Zeitlupe umkippt und der Inhalt die Digitalkamera gerade noch verfehlt, sich schäumend auf dem Schreibtisch verbreitet und über die Tastatur des Notebooks ergießt: Als im gleichen Moment der Senator aufspringt, das Notebook - dabei schnell noch Strg+S drückend - auf den Bauch dreht, die Kamera aus dem Gefahrenbereich und die Flasche wieder in die Vertikale bringt; unverzüglich den Staubsauger anwirft, um jeden Tropfen des Getränks aus der Elektronik zu saugen, ehe es dort seine todbringende Wirkung entfalten kann: Da ist er reines, alles durchdringendes Bewusstsein. Ohne auch nur den Bruchteil eines Gedankens an Nebensächliches zu verschwenden, richtet er seine Aufmerksamkeit nur auf das, was er tut, und er tut in jeder Sekunde das Angemessene. Grellweiße Aurastrahlen schneiden durch den Prenzlauer Berg.
Dass er aber Flasche und Digicam auf denselben Fußboden gerettet hat, auf dem der Korpus des Staubsaugers, bewusstlos dem Zug an seinem Rüssel folgend, die Flasche ein zweites Mal umschmeißen und nahezu vollends leeren wird, so dass das Bier, running gag, die Powershot doch noch fast erwischt, dass sich der Staubsauger als zu stark für die ihm zugedachte Aufgabe erweist und die Fn-Taste auf Lunge nimmt: Das gibt der Situation dann doch wieder die nötige Erdung.
Aber was wirklich frustrierend ist: Zwei Uhr nachts, nichts mehr zu Trinken im Haus, und alle Spätverkaufstellen zu.