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Freitag, 27. Mai 2005

Standrechtliche Eheschließung

(freudscher Verleser, eigene E-Mail)

Orale Fixierung

Der Senator sagt: Die Welt ist alles, was man essen kann. Kommt er von einer Reise zurück, fragen die ihn kennen nicht: Was hast du gesehen, sondern: Was hast du gegessen. Seine Mitbringsel sind Kochzutaten, Rezepte und örtliche Spezialitäten. Nicht immer die verfeinertsten Delikatessen, diesmal enthält der Koffer größtenteils bodenständige Kost:
  1. Malzessig und Mushy Peas für stilechte Fish&Chips
  2. Kartoffelchips mit Essiggeschmack für die Tochter
  3. Trockenfleisch zum Knabbern für den Sohn
  4. Lemon Curd und Näschereien aus Chinatown für die Senatorin
  5. Eine Flasche Worcestershire-Sauce für den Schulfreund, von dem er vor fünfundzwanzig Jahren lernte, dass man das "Wuster..." ausspricht, woran er wieder denken musste, als er das Fläschchen im Regal des Supermarkts erblickte.
Wohin es ihn auch treibt: Der Senator muss dort mindestens ein neues Gericht kennen lernen. Peking war das Paradies, aber dass er doch abreiste, ohne in einer der Garküchen in der Nähe des Campus diese geschmorten Hühnereier probiert zu haben, die er mehrere Tage lang umkreist hatte, diese abstoßenden und faszinierenden Eier, in denen sich die Formen des schon recht weit entwickelten Kükens abzeichneten – das hat er danach aufrichtig bereut, und es wäre eigentlich Grund genug, noch einmal...
Also London: Zwar sagt man, dass es englische Kochkunst und englische Frauen waren, die die Briten zu einer Nation von Seefahrern werden ließen, doch die Küchen all der anderen Kulturen in dieser Stadt machen die Schrecken eines traditionellen englischen Frühstücks allemal wett. Von den Gründen, aus denen die Stadt dem Senator so sehr gefällt, ist dies nicht der geringste.
Und da es dem Senator durch geschicktes Zeitmanagement gelungen war, seinen Aufenthalt um noch einen Tag zu verlängern, legt er seine Spaziergänge so, dass sie ihn noch an einer Handvoll exotischer Erfrischungen vorbeiführen. Die erste feste Mahlzeit des Tages und ein gelungener Start: ein unglaublich gutes und unglaublich billiges Tandoori Chicken in der Brick Lane. Dass die Papiertüte für dieses Gericht nicht das optimale Essgeschirr ist – geschenkt, immerhin hätte der Senator das Hühnerbein für 25 Pence mehr ja auch im Laden am Tisch haben können, dann müsste er nicht mit einer Plastikgabel irgendwo unterwegs die Fleischstücken von den in Auflösung begriffenen Fetzen trennen. Egal, satt will er jetzt sowieso nicht sein, denn kaum eine Viertelstunde weiter steht die Beigles Bakery, wo es eine noch nie gesehene Creation zu probieren gibt: dicke, saftig rosige Scheiben gepökelten Rindfleischs mit sonnengelbem Senf im Bagle. Der Senator muss sich bremsen, es hier nicht zu übertreiben. Denn, das ist eingeplant, ein wenig später wird er den Blumenmarkt erreichen, wo laut Reiseführer gebackene Prawns mit süßer Chilisauce auf ihn warten werden. Dass er die letztlich wg. deren optischer Ähnlichkeit mit den Unaussprechlichkeiten deutscher Fastfoodketten verschmähen wird, ist eine andere Sache, aber es spricht ja nichts dagegen, noch etwas Platz freizuhaben, etwa für den herben Cidre im Pub ein paar Ecken weiter. Und nach einigen Stunden Spaziergang für ein Ale in Soho. Jetzt noch schnell für eine Ladung Fish&Chips zum Abschied. Oder gleich nach Kings Cross? Der Senator hat sich doch heute früh geschworen, diesmal aber wirklich zwei Stunden vor Abflug in Luton zu sein, und dazu müsste er jetzt ja eigentlich... Aber dann wieder: London verlassen, ohne F&C gegessen zu haben? Na gut, er hat sich die Abfahrtzeiten eingeprägt, im Grunde schafft er den Flug auch noch, wenn er eine Bahn später nimmt, eigentlich kann er sogar zwei, drei Bahnen später fahren: Fish&Chips, here I come. Der Irish Pub in der Euston Road ist eine gute Wahl, es läuft Guiness vom Fass und Fußball auf der Großleinwand, Fish&Chips brauchen noch eine Weile, jetzt ist der erste Zug später weg, jetzt kommt das Essen und noch ein Bier: den zweiten Zug wird er wohl auch kaum noch schaffen, dazu müsste er schlingen und das wäre doch wirklich schade drum. So, das war der zweite. In 15 Minuten fährt der dritte, der Bahnhof ist ja gleich gegenüber, nur gut, das in den Pubs immer gleich beim Servieren kassiert wird, Zug geschafft, Koffer abgeholt, noch eine Viertelstunde, bis der Flug geschlossen wird, beruhigt begibt sich der Senator zu den Checkin-Schaltern.
Und erstarrt, als er die Schlangen sieht.