Wie schon gesagt: Aktualität ist kein hervorstechendes Merkmal dieses Blogs. Außerdem wird man doch mal ein bisschen was nachtragen dürfen, wenn man fast drei Jahre nicht geschrieben hat. (Weiß gar nicht: Gibts dieses Blogosphären-Ding eigentlich noch, oder sitze ich inzwischen ganz alleine hier?)
Der Senator hatte ein schlechtes Gewissen. Er saß im Zug nach Berlin, wo er gemeinsam mit der Senatorin und seiner 19jährigen Tochter die Osterferien verbringen wollte. Das letzte Mal hatte er die Familie vor etwa einem Monat für ein Wochenende gesehen, wie auch das Mal davor und das Mal davor. Der Senator war für ein Jahr nach Süddeutschland gegangen, an die sechs Stunden von zu Hause entfernt, an ein Ausbildungsinstitut, wo er sich das Zeug und die Qualifikation zu einem neuen Beruf verschaffen wollte. Es sollte Schluss sein mit dem trostlosen Dasein als Computersklave im Dienste der Industrie, Schluss mit dem einsamen Alltag am Schreibtisch: Etwas Kreatives sollte es sein, Arbeit mit Menschen, Spaß machen sollte es, der Fantasie etwas zu tun geben, Lebendig sein und angenehmere Aufregungen bieten als unrealistische Deadlines und Kunden mit zweifelhafter Zahlungsmoral. Also zum Beispiel: Theaterpädagogik.
OK. Der Senator hat also die unbefriedigende Übersetzerei an den Nagel gehängt und lernt jetzt auf Theaterpädagoge. Das macht Spaß, das tut ihm gut (in vier Monaten nimmt er sieben Kilo ab), das bringt ihn an ungekannte Orte (seit Januar geht er regelmäßig in den Knast und spielt mit Dieben, Räubern und Sexualstraftätern Theater). Das bringt Herausforderungen mit sich - zum Teil welche, die er vorhersah, zum Teil ganz ungeahnte.
Dass eine solche Herausforderung wie diese auf ihn zu kommen könnte, hatte er geahnt (ach was, alter Heuchler, geahnt: Das hattest du doch gewollt!): Da gibt es diese absolut faszinierende Mitschülerin mit dem brennenden Blick, die Anglerin. Er möchte ihr am liebsten dauernd in die Augen sehen. Er möchte noch einiges mehr. Zum Beispiel mal mit ihr ins Kino gehen. Einen Wein trinken. Für den Anfang.
Im Kino waren sie schon, vor ein paar Wochen. Gestern dann das mit dem Wein. So ein schöner Abend. Sie haben über dies und das geredet, der Senator hat ein wenig durchblicken lassen, wie es ihm mit der Anglerin geht. So durch die Blume erst einmal, aber eigentlich schon zu deuten. Und als sich die zwei dann auf dem Heimweg am Fluss zum Abschied drücken, sagt der Senator ihr: Weißt du, Anglerin, ich hab dich sehr gern. Ich dich auch, sagt sie.
Nach nur vier Stunden Schlaf ist der Senator hellwach: Seine Haut brennt vor Sehnsucht. Wieso ist die Anglerin jetzt nicht hier, denkt er, das geht doch nicht so. Er kann nicht wieder einschlafen. Also macht er ein bisschen sauber, packt seine Sachen und nimmt einen Zug früher. In dem sitzt er jetzt also, Gründonnerstag 2009, und denkt an die Anglerin. Und er hat ein schlechtes Gewissen: er nähert sich immer mehr Berlin, wo doch die Senatorin und die Tochter auf ihn warten. Wär gut, wenn ich die Anglerin für die nächste Woche aus dem Kopf bekommen könnte, denkt er. Am besten gleich, noch ehe der Zug Berlin erreicht.
Aber weder den Gedanken an die Anglerin noch das schlechte Gewissen kann der Senator im Zug zurücklassen. Aufgeregt kommt er zu Hause an, die Tochter öffnet ihm, nein, Mama ist noch in Hamburg, die macht da ja auch gerade berufliche Neuausrichtung. Weißt du, dass Mama neun Kilo abgenommen hat? Und ich sieben, strahlt der Senator. Ja, meint die Tochter. Du wolltest das ja auch. Aber Mama isst einfach nicht mehr. Der Senator schickt ihr eine SMS: Ich bin da, wann kommst du? Und muss sich jetzt erst einmal hinlegen, vier Stunden Schlaf halten nicht lange vor, wenn man keine Dreißig mehr ist. Er schläft wie ein Stein. Als er aufwacht, ist es sechs Uhr abends, und er sieht, dass die Senatorin geantwortet hat: Ich komme um acht, muss dir was Wichtiges sagen.
Der Senator kocht sich einen Kaffee. Wie kann sie davon erfahren haben, denkt er? Er ist entschlossen, alles abzustreiten.
Er geht auf den Hof, eine rauchen. Er kocht sich noch einen Kaffee. Mit irgendwelchen weiteren Aktivitäten, an die er sich danach nicht mehr erinnern können wird, bringt er irgendwie die Zeit bis um acht rum. Pünktlich dreht sich der Schlüssel im Schloss. Er geht der Senatorin entgegen, die ist ja wirklich dünn geworden, sie zittert, blickt so in sich gekehrt. Was ist denn los, fragt der Senator. Setz dich doch erst mal.
Jetzt sitzen sie. Du, sagt die Senatorin. Es gibt einen anderen Mann.
Darauf war der Senator jetzt doch nicht gefasst.